Der Fachkräftemangel ist eine der zentralen Herausforderungen im Schweizer Gesundheitswesen. Während auf politischer Ebene über neue Rahmenbedingungen diskutiert wird, können Institutionen ihre Arbeitsrealität bereits heute aktiv mitgestalten. Auch wenn strukturelle Faktoren eine wichtige Rolle spielen, liegt ein Teil der Lösung im eigenen Einflussbereich. Wir zeigen dir, warum Lohn allein nicht ausreicht und wie du mit echter Flexibilität, moderner Führung und den richtigen Tools die Fluktuation in deiner Institution reduzieren kannst. Hier ist dein Behandlungsplan für eine gesunde und engagierte Belegschaft.
Die Diagnose: Ein Kreislauf aus Belastung und Abgang
Wer verstehen will, warum Pflegefachpersonen und Betreuungsteams ihren Beruf verlassen, muss den Arbeitsalltag genauer betrachten. Selten ist es allein die hohe Arbeitslast, die zur Kündigung führt. Oft ist es die Kombination aus physischen Anforderungen (wie langem Stehen oder schwerem Heben) und der hohen emotionalen Belastung im Umgang mit Patient:innen sowie Angehörigen.
Das Problem: Diese Faktoren verstärken sich gegenseitig. Fehlende Ressourcen führen direkt zu Produktivitätsverlusten und spürbaren Lücken in der Versorgungsqualität. Dies erhöht wiederum den Druck auf die verbleibenden Mitarbeitenden. Es entsteht ein Teufelskreis: Unberechenbare Dienstpläne und eine schwindende Work Life Balance untergraben das Vertrauen in die Arbeitgeberorganisation und treiben die Burnout-Raten in die Höhe. Wer diesen Kreislauf durchbrechen will, muss an der Wurzel ansetzen und die Arbeitsrealität von Frontline Workers neu denken.
Die Therapie: Was Mitarbeitende wirklich brauchen
Der Lohn bleibt ein zentraler Hygienefaktor. Tiefe Löhne sind oft der Hauptgrund, warum Mitarbeitende einen Stellenwechselüberhaupt in Betracht ziehen. Doch um Fachkräfte langfristig emotional an dein Heim oder Spital zu binden, musst du an weicheren, aber entscheidenden Faktoren ansetzen. Analysen und Studien zeigen vier zentrale Hebel für eine erfolgreiche HR-Strategie.
1) Echte Flexibilität in der Dienstplanung
Für Mitarbeitende in der Administration bedeutet Flexibilität oft Homeoffice. Für Mitarbeitende an der Front bedeutet Flexibilität jedoch Mitbestimmung bei der Einsatzplanung. Sie wollen Dienste übernehmen, die zu ihrer individuellen Lebenssituation passen. Moderne Tools für Wunschdienste oder den Schichttausch schaffen genau diese Möglichkeit. Das Resultat: weniger Fehlzeiten, eine stabilere Schichtabdeckung und zufriedenere Teams. Selbstbestimmung ist das Homeoffice der Pflege.
2) Führungskräfte als Schlüsselfaktor für die Gesundheit
Ein oft unterschätzter Aspekt ist die direkte Führung. Vorgesetzte beeinflussen die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden stärker, als viele vermuten. Deine Stationsleitungen und Teamleitenden müssen daher befähigt werden, konstruktives Feedback zu geben und den Dialog mit den Mitarbeitenden aktiv zu fördern. Investiere gezielt in die Führungskompetenzen deiner Führungskräfte. Sie sind die erste Verteidigungslinie gegen Fluktuation. Wer sich gesehen, gehört und wertgeschätzt fühlt, bleibt auch in anspruchsvollen Phasen an Bord.
3) Technologie für alle statt nur für die Verwaltung
Viele Mitarbeitende in der Pflege haben noch immer keinen zeitgemässen Zugang zu digitalen Hilfsmitteln am Arbeitsplatz. Dabei geben 82% an, dass bessere Kommunikations- und Sicherheitstools ihre Leistung verbessern würden. Interessant ist hierbei der Blick auf die psychische Gesundheit: Wer KI-gestützte Tools oder intuitive Apps für HR-Prozesse nutzt, berichtet von signifikant tieferen Burnout-Raten (41%) im Vergleich zu Mitarbeitenden ohne diese Hilfsmittel (54%). Digitalisierung darf nicht an der Bürotür enden. Binde auch deine Deskless Workers digital ein und stärke das Zugehörigkeitsgefühl.
4) Sicherheit am Arbeitsplatz als Grundvoraussetzung
Sicherheit ist kein «Nice to have». Zwei von drei Mitarbeitenden würden ihre Stelle aufgrund von Sicherheitsbedenken verlassen, wenn diese nicht ernst genommen werden. In einem anspruchsvollen Umfeld wie einer Notfallstation oder einer geschlossenen Demenzabteilung sind physische und psychische Sicherheit die Grundlage für gute Arbeit. Entscheiden ist dabei auch die psychologische Sicherheit: Können Fehler offen angesprochen werden? Wird Belastung ernst genommen? Oder herrscht Angst vor Schuldzuweisung? Zeige deinen Mitarbeitenden, dass ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden für dich Priorität haben.
Strategische Fragen für die Institutionsleitung
Wie lässt sich dieser Wandel konkret umsetzen? Teresa Smith, Expertin für Human Insights, betont, dass schon kleine Anpassungen bei der Flexibilität und der Führungsunterstützung insbesondere für die Generation Z langfristig positive Auswirkungen haben können. Für die Entwicklung einer nachhaltigen Strategie solltest du dir und deinem Führungsteam folgende Fragen regelmässig stellen:
- Personalgewinnung & Onboarding: Sind Karrierewege und Weiterbildungsmöglichkeiten bereits im Bewerbungsprozess ersichtlich? Ist die Einarbeitung rollenspezifisch ausgestaltet oder werden Neueintritte ins kalte Wasser geworfen?
- Dienstplanung: Wie einfach ist der Schichtabtausch organisiert? Können Mitarbeitende Anpassungen selbstständig über das System oder eine App vornehmen oder ist die Planung weiterhin auf manuelle Nachbearbeitung angewiesen?
- Kommunikation:Wie erreichen wir Mitarbeitende, ohne festen PC-Arbeitsplatz? Wird das Zugehörigkeitsgefühl über Teamgrenzen hinweg gestärkt oder entstehen Silos?
- Zeitmanagement:Helfen deine Zeiterfassungssysteme den Mitarbeitenden im Alltag oder verursachen sie administrativen Mehraufwand? Sind die Arbeitslasten so verteilt, dass Überlastung vermieden wird?
Fazit
Die Herausforderungen in der Langzeit- und Akutpflege sind komplex und lassen sich nicht über Nacht lösen. Nachhaltige Veränderungen beginnen jedoch dort, wo Mitarbeitende ihren Alltag erleben: direkt auf der Station, im Team und in den täglichen Abläufen.
Moderne Tools, mehr Flexibilität in der Dienstplanung und eine starke Führungskultur können die Arbeitsbedingungen spürbar verbessern und die Bindung an die Institution stärken. Davon profitieren nicht nur die Mitarbeitenden, sondern auch die Qualität der Versorgung.
Prüfe deshalb deine Prozesse auf Frontline Tauglichkeit und suche aktiv den Dialog mit deinen Teams. Oft entstehen die besten Lösungen genau dort, wo die Herausforderungen täglich erlebt werden.
Autor
Johannes Lehoski
UKG pro WFM
Johannes beschäftigt sich mit Digitalisierung, Personalprozessen und Workforce-Management im Gesundheitswesen. In seiner Arbeit unterstützt er Institutionen dabei, administrative Prozesse für Frontline-Teams zu vereinfachen und die Mitarbeitenden-Bindung durch bessere Planung, Kommunikation und Führung zu stärken.
Quellen
- UKG Global Workforce Report, Three Critical Frontline Areas for 2024 (2025).
- PwC Schweiz, Studie Fachkräftemangel im Schweizer Gesundheitswesen (2025.).
- Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan), Das Gesundheitspersonal in der Schweiz (2016).
- Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan), Laufbahnstudie (2021).
- Gesundheitsförderung Schweiz, Job-Stress-Index: Stress bei Erwerbstätigen in der Schweiz (2022).
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