Die eigentliche Herausforderung ist nicht der Stellenabbau, sondern die Neugestaltung von Arbeit. «AI wird Mitarbeitende ersetzen.» Diese Schlagzeile begleitet uns seit Monaten. Viele Unternehmen prüfen derzeit, welche Aufgaben sich automatisieren lassen und welche Effizienzpotenziale sich durch Künstliche Intelligenz erschliessen. Doch inzwischen zeigt sich ein differenzierteres Bild.
Was sich im Markt bewegt
Im Markt wird ein neuer Trend herumgereicht: «AI Boomerang»: Unternehmen, die Stellen aufgrund erwarteter AI- oder Automatisierungsgewinne abgebaut haben, besetzen einige dieser Rollen wieder neu. Fast Company hatte dies kürzlich ebenfalls aufgenommen.
Eine Grundlage dafür liefert eine aktuelle Studie von Robert Half unter 2'000 US-amerikanischen Hiring Managern. 32% der Befragten geben an, dass ihr Unternehmen Stellen aufgrund von AI oder Automatisierung abgebaut und später wieder rekrutiert hat.
Auch Gartner erwartet eine Korrektur dieser Entwicklung: Bis 2027 sollen rund 50% der Unternehmen, die Customer-Service- oder operative Rollen durch AI ersetzt haben, ihre Strategie teilweise revidieren und wieder stärker auf menschliche Mitarbeitende setzen. Ford hat aktuell kommuniziert, 350 Ingenieure zurückzuholen, weil die AI-Tools versagen.
Ein weiteres prominentes Beispiel ist Klarna. Das Unternehmen reduzierte seine Belegschaft deutlich und kommunizierte offensiv, dass AI viele Aufgaben übernehmen könne. Doch als die Kundenzufriedenheit und KI-Akzeptanz sank, musste Klarna reagieren und wieder verstärkt auf menschliche Unterstützung setzen. Ähnliche Kurskorrekturen werden auch bei anderen Technologieunternehmen wie Swisscom oder Salesforce sichtbar.
Was bedeutet das für die Schweiz?
Wir beobachten aktuell nicht, dass Schweizer Unternehmen flächendeckend Stellen aufgrund von AI abbauen. Vielmehr stehen viele Organisationen vor der Herausforderung, AI sinnvoll in bestehende Rollen und Prozesse zu integrieren
Dabei wird deutlich: AI automatisiert Aufgaben, sie ersetzt aber nicht automatisch ganze Rollen. Gerade dort, wo Kontextwissen, Empathie, Urteilsvermögen oder Verantwortung gefragt sind, bleibt der Mensch unverzichtbar. Erfolgreiche Unternehmen setzen deshalb nicht auf ein «Entweder-oder», sondern auf ein intelligentes Zusammenspiel von Mensch und Technologie.
Drei Entwicklungen, die HR jetzt beschäftigen sollten
1. AI ist nicht automatisch günstiger
In der öffentlichen Diskussion steht häufig das Einsparpotenzial im Vordergrund. Weniger Beachtung finden die laufenden Betriebs-, Integrations- und Compliancekosten von AI-Lösungen. Hinzu kommen Aufwände für Governance, Datenschutz, Qualitätssicherung und die kontinuierliche Überwachung der Systeme. Auch wenn einzelne Prozesse effizienter werden, bedeutet das nicht automatisch, dass AI langfristig günstiger ist als menschliche Arbeit. Der tatsächliche Mehrwert entsteht erst dann, wenn Technologie zuverlässig funktioniert und sinnvoll in bestehende Prozesse eingebettet wird.
2. Routineaufgaben verschwinden – nicht die Arbeit
AI übernimmt zunehmend repetitive und standardisierte Tätigkeiten. Das verändert Berufsbilder und schafft Raum für anspruchsvollere Aufgaben. Für HR bedeutet das, Rollen neu zu definieren und Mitarbeitende gezielt weiterzuentwickeln. Die entscheidende Frage lautet nicht, welche Stellen ersetzt werden können, sondern welche Kompetenzen künftig den Unterschied machen.
3. Die unterschätzte Herausforderung: die Talent-Pipeline
Besonders kritisch sehen wir die Entwicklung bei Einstiegspositionen. Viele klassische Junior-Aufgaben – Recherchen, Dokumentationen oder administrative Tätigkeiten – lassen sich heute bereits durch AI unterstützen oder automatisieren. Das erhöht kurzfristig die Effizienz. Langfristig stellt sich jedoch eine andere Frage: Wo sammeln Berufseinsteiger künftig ihre ersten Erfahrungen? Wer heute auf Junior-Positionen verzichtet, riskiert morgen fehlende Fach- und Führungskräfte. Unternehmen sollten deshalb bewusst überlegen, wie sie Nachwuchstalente auch in einer AI-gestützten Arbeitswelt entwickeln.
Wohin geht die Entwicklung?
AI wird künftig viele Aufgaben übernehmen. Gleichzeitig bleiben menschliche Fähigkeiten wie Urteilsvermögen, Kreativität, Empathie und Zusammenarbeit entscheidend. Bei HR Campus sind wir überzeugt: Die Diskussion sollte sich nicht darum drehen, ob AI Menschen ersetzt. Sie sollte sich darum drehen, wie wir Arbeit neu gestalten. In Kundenprojekten sehen wir, dass die grössten Erfolge nicht dort entstehen, wo Unternehmen möglichst viele Aufgaben automatisieren. Sondern dort, wo Technologie Mitarbeitende befähigt, produktiver und wirkungsvoller zu arbeiten. Die Frage ist deshalb nicht «Mensch oder AI», sondern «Wie gestalten wir ihre Zusammenarbeit?»
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